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Biotechnologie Millionen für ein Molekül

Biotechnologie Millionen für ein Molekül

FAZ 20.08.2012 ·  Eigene Umsätze erzielt in der Biotechnologie längst nicht jedes Unternehmen. Viele sind auf den Staat als Förderer und Kapitalgeber angewiesen. Zuletzt hat sich das für die öffentliche Hand sogar gelohnt.

Sechs Jahre noch, dann wird das winzige Peptid Cor-1 vielleicht zum ersten Mal in einem Arzneimittel gegen Herzschwäche eingesetzt. Kommt es dazu, dann wird auf der Packung das Logo des amerikanischen Pharmakonzerns Janssen-Cilag prangen, der damit Erlöse in dreistelliger Millionenhöhe im Jahr anpeilen dürfte. Erforscht wurde das aus Aminosäuren aufgebaute Molekül allerdings in Deutschland. Über Jahre hat die öffentliche Hand zunächst die Grundlagenforschung an zwei Universitäten, dann die Weiterentwicklung im Unternehmen Corimmun aus Martinsried bei München ermöglicht. Dass von diesen Anstrengungen eines Tages ein Konzern aus Übersee profitieren könnte, hört sich wie ein Grund zum Haareraufen an. Doch stattdessen äußern sich sowohl die Fördermanager im Bundesforschungsministerium als auch die Proteinpioniere in Martinsried hochzufrieden über die Situation.

100-Millionen-Dollar-Geschäft

Für einen nationalen Reflex gibt es nach ihrer einhelligen Meinung keinen Grund. Denn Janssen-Cilag hat Ende Juni rund 100 Millionen Dollar für Corimmun gezahlt – deutlich mehr, als die mehrheitlich staatlichen Kapitalgeber seit der Unternehmensgründung 2006 investiert haben. „Jetzt fließt das Vier- bis Fünffache des Investments an den Steuerzahler zurück“, überschlägt Martin Ungerer, einer der Gründer. Wichtigster Gesellschafter der Corimmun GmbH war bis zum Verkauf mit einem Anteil von rund 25 Prozent zwar der private Wagniskapitalgeber MIG-Fonds; gemeinsam kommen die Förderbank KFW, die von der bayerischen Förderbank getragene Beteiligungsgesellschaft Bayern-Kapital, der High-Tech-Gründerfonds und die Beteiligungsgesellschaft des Münchener Biotech-Clusters Bio-M aber auf die Mehrheit der Anteile.

Insgesamt haben die Investoren nach Angaben von Bayern-Kapital rund 13,5 Millionen Euro eingesetzt und nun „einen erheblichen Return-on-Investment“ erzielt. Doch bevor sich die teils öffentlichen, teils privaten Geldgeber von dem Konzept überzeugen ließen, brauchte Corimmun eine Anschubfinanzierung. Die vier Wissenschaftler von den Universitäten in Tübingen und Würzburg, auf deren Ausgründung das Unternehmen zurückgeht, bewarben sich gemeinsam mit Ungerer 2006 um eine Förderung aus dem Programm „Go-Bio“ des Bundesforschungsministeriums, das die Kommerzialisierung von Forschungsprojekten unterstützen soll. Zwölf von 180 Bewerbungen wurden ausgewählt, Corimmun war darunter und erhielt insgesamt 3,6 Millionen Euro.

…, herrscht über die Übernahme von Corimmun auch im Bundesforschungsministerium Zufriedenheit – auch wenn der Käufer Janssen-Cilag klargemacht hat, nur an dem Produkt und nicht an den 25 Mitarbeitern interessiert zu sein. „Zum einen kommen alle Gesellschafter und Investoren aus Deutschland“, sagt Ute Fink vom Projektträger Jülich, der das Förderprogramm „Go-Bio“ koordiniert. „Dadurch bleiben Steuern, Verkaufserlös und ein Großteil der im Unternehmen entstandenen Innovationen in Deutschland.“ Dasselbe gelte auch für die mit Janssen-Cilag über den Verkaufspreis hinaus vereinbarte Meilensteinzahlung: Wenn das Peptid Cor-1 sich als so wirksam erweist, dass seine Erprobung in die dritte Studienphase überführt wird, fließt noch einmal ein dreistelliger Millionenbetrag an die Gesellschafter.

Kaum nennenswerte Umsätze

Zum anderen werde mit dem Verkauf anerkannt, wie vielversprechend das Projekt sei, was sich wiederum ermutigend auf andere Wissenschaftler und Unternehmer auswirken könne. … Nennenswerte eigene Umsätze erzielen nur die wenigsten heimischen Anbieter, die meisten sind wegen der mangelnden Risikobereitschaft im Kapitalmarkt auf geduldige Geldgeber wie die Brüder Thomas und Andreas Strüngmann angewiesen, die der Verkauf des Arzneimittelherstellers Hexal zu Milliardären gemacht hat. Daneben hat das Gewicht öffentlicher Finanzierungsquellen in den vergangenen Jahren zugenommen.

Vielleicht schickt bald auch Martin Ungerer wieder eine Bewerbung aus Martinsried nach Berlin. Er und die anderen Corimmun-Gründer haben zusammen mit allen früheren Beschäftigten schon eine Nachfolgegründung namens Advancecor auf die Beine gestellt, um die Projekte weiterzuführen, an denen Janssen-Cilag nicht interessiert war. Sie entwickeln jetzt wieder ein winziges Peptid, es heißt Cor-2 und soll gegen Embolien nach Schlaganfällen oder Herzinfarkten helfen. Die erste Studienphase ist schon abgeschlossen, die zweite beginnt in diesem Monat. „Alle Gesellschafter sind wieder an Bord“, sagt Ungerer. „Eine staatliche Förderung wäre natürlich schön.“